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Überlegen

Vor einiger Zeit saß ich in einer Meisterklasse des Filmemachers Luc Dardenne. Er erklärte, die Zuschauer seiner Filme sollten nicht denken, sie wüssten alles über die Personen. Wir, das Publikum, sollten uns nie für klüger halten als die Figuren; wir hätten nicht mehr Einsicht in die Figuren als sie selbst. Wir sollten uns nicht einbilden, über ihre Motive Bescheid zu wissen, und wir sollten uns nicht überlegen vorkommen. Das glaube ich auch. Für mich offenbart sich darin ein Grundprinzip der Kunst, obwohl ich fürchte, dass viele das anders sehen.

Michael Ondaatje, Katzentisch

Oh, ein Blipbop!

Diese Woche habe ich mir zum ersten Mal das Album »Oh ein Omm« des sehr geschätzten Twitterers @Han_Ami angehört.

Da improvisiert einer auf einem kleinen schwarzen Kästchen, das ursprünglich zum Telefonieren gedacht war (obwohl das keiner, den ich kenne, wirklich tut), und schraubt, zimmert, hämmert, klebt, schweißt elektronische Klanggerüste zusammen, die lärmen, verstören, schmeicheln, einen aufwühlen und ergreifen. Es ist keine Musik, die man nebenbei hören kann, auf diese Musik muss man sich einlassen wollen. Im Spannungsfeld zwischen Einstürzende Neubauten, John Zorn und Philip Glass entwickeln sich musikalische Experimente, die Grenzen überschreiten und die es gerade deswegen wert sind, entdeckt zu werden.

Das Album kann hier kostenlos angehört und heruntergeladen werden. Anspieltipps: Oh ein Omm, Uraleffect und Blipbop.

Balances at work

We do what we can to ease another’s pain, thinking it will ease our own. But it doesn’t. Somehow, instead, it adds to our pain. We don’t erase theirs, we take it to ourselves. Is it possible that, far beyond our understanding, balances are at work? That suffering is like matter in the universe, there is only so much of it, forever the same amount, and all we can do is rearrange it, pick it up here, put it down there?

James Sallis, The Killer Is Dying

Oh, wir […] teilen diesen Menschen gern sogleich alle unsere Gedanken mit, selbst die teuflischsten und gefährlichsten; wir lassen die Menschen an allem, was uns bewegt, teilnehmen und fordern noch dazu, dass diese Menschen unsere Offenherzigkeit mit Sympathie erwidern, auf alle unsere Sorgen und Bekümmernisse eingehen, uns zustimmen und unseren Wünschen keine Hindernisse bereiten. Sonst werden wir wütend […].

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Brüder Karamasow

Klagegesang

Es gibt […] einen schweigenden und geduldigen Kummer; er tritt in sich zurück und bleibt stumm. Aber es gibt auch einen hervorbrechenden Kummer; der macht sich einmal in Tränen Luft und geht dann über in Klagegesang. […] Aber er ist nicht leichter als der schweigende Kummer. Der Klagegesang wirkt nur insofern lindernd, als er das Herz noch mehr zerreißt. Ein solcher Kummer verlangt nicht nach Trost; er nährt sich von dem Gefühl seiner Untröstbarkeit. Der Klagegesang entspringt dem Bedürfnis, die Wunde immer von neuem zu reizen.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Brüder Karamasow

Immer

Du? Hast Du Wünsche für die Zukunft?

Wenn es Dir schlecht geht, möchte ich immer bei Dir sein und wenn es mir schlecht geht, möchte ich, dass Du immer bei mir bist und wenn es Dir gut geht, möchte ich immer bei Dir sein und wenn es mir gut geht, möchte ich, dass Du immer bei mir bist.

Und das ist alles?

Das ist alles. Alles und alles was wichtig ist.

 
 

Es war tiefste Nacht geworden, es waren die toten Stunden, die nach dem Kalender schon einem neuen Tag zugerechnet wurden, die aber in Wahrheit keinem zugehören. In denen schon alles ins Dunkel abgefallen ist, was noch zu dem vorigen zählte, und noch nichts keimt, was am nächsten wartet. Die Stunden, in denen man den Glauben an ein Morgen verlieren kann.

Thomas Willmann, Das finstere Tal

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