Equality of condition, though it is certainly a basic requirement for justice, is nevertheless among the greatest and most uncertain ventures of modern mankind. The more equal conditions are, the less explanation there is for the differences that actually exist between people; and thus all the more unequal do individuals and groups become. This perplexing consequence came fully to light as soon as equality was no longer seen in terms of an omnipotent being like God or an unavoidable common destiny like death. Whenever equality becomes a mundane fact in itself, without any gauge by which it may be measured or explained, then there is one chance in a hundred that it will be recognized simply as a working principle of a political organization in which otherwise unequal people have equal rights; there are ninety-nine chances that it will be mistaken for an innate quality of every individual, who is “normal” if he is like everybody else and “abnormal” if he happens to be different. This perversion of equality from a political into a social concept is all the more dangerous when a society leaves but little space for special groups and individuals, for then their differences become all the more conspicuous.

Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism

Ganz hübsch

Sie selbst hatte das ganze Palaver ausgelöst, weil sie – übrigens vollkommen außer dem Zusammenhang des Gesprächs, das eigentlich über Größe und Grenzen des Provinzialismus ging – gesagt hatte, sie fände einiges, was Benn geschrieben hätte, doch »ganz hübsch«. Daraufhin wurde Fredebeul, als dessen Verlobte sie galt, knallrot, denn Kinkel warf ihm einen seiner berühmten sprechenden Blicke zu: »Wie, das hast du noch nicht bei ihr in Ordnung gebracht?« Er brachte es also selbst in Ordnung und schreinerte das arme Mädchen zurecht, indem er das ganze Abendland als Hobel ansetzte.

Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns

Das Scheitern

Wir müssen uns das Denken erlauben, uns getrauen auch auf die Gefahr hin, daß wir schon bald scheitern, weil es uns plötzlich unmöglich ist, unsere Gedanken zu ordnen, weil wir, wenn wir denken, immer alle Gedanken, die es gibt, die möglich sind, in Betracht zu ziehen haben, scheitern wir immer naturgemäß; wir sind ja im Grunde immer gescheitert und alle andern auch, sie mögen geheißen haben, wie immer, sie mögen die allergrößten Geister gewesen sein, auf einmal, an irgendeinem Punkte, scheiterten sie und ihr System ist zusammengebrochen, wie ihre Schriften beweisen, die wir bewundern, weil sie die am weitesten in das Scheitern vorangetriebenen sind.

Thomas Bernhard, Auslöschung

Millionen sind von Leitzordnern beherrscht und kommen aus dieser demütigenden Beherrschung nicht mehr heraus, dachte ich. Millionen sind von diesen Leitzordnern unterdrückt. Ganz Europa läßt sich seit einem Jahrhundert von den Leitzordnern unterdrücken und die Unterdrückung der Leitzordner verschärft sich, dachte ich. Bald wird ganz Europa von den Leitzordnern nicht nur beherrscht, sondern vernichtet sein.

Thomas Bernhard, Auslöschung

Ach, Uwe

Ach, Uwe, es ist doch in Ordnung, auch mal mit etwas anzugeben, das man draufhat, und nicht immer nur damit, wie drauf man mal war.

Saša Stanišić, Vor dem Fest

Jemand wird sagen

Auf dem Fest werden wir auf ihn anstoßen. Jemand wird sagen: Solche wie den Eddie gibt es heute so gar nicht mehr. Das stimmt natürlich nicht. Es gibt nur den Eddie so nicht mehr.

Saša Stanišić, Vor dem Fest

Die Nacht hieß Flut, jetzt ebbt sie ab, schaut her, was sie angespült. Zwischen dem Strandgut wandern wir, ja nicht auf etwas treten! Frau Schwermuth hat Wimpern, so lang und schön, und wenn sie blinzelt, schlägt die Finsternis Wellen.

Saša Stanišić, Vor dem Fest