Archive for Oktober 2012

Verstummen

Wann unser Briefwechsel einschlief, wer weiß, und mir ist entfallen, wer als erster verstummte. Einer von uns ließ sich mit seiner Antwort Zeit, bis der Faden am Ende zerriss. Es war keine Verstimmung, die dieses Verstummen verursachte. Ich bemerkte an mir eine Zuversicht, die es nicht notwendig machte, Virginia zu schreiben, eine tiefe Erleichterung und Ruhe. Meine niemals vergessene Liebe tat nicht mehr weh.

Jan Koneffke, Die sieben Leben des Felix Kannmacher

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Die nichtigsten Dinge

Unser Leben verfolgt keinen Zweck und es hat keinen Sinn. […] das ist keine schlimme Erkenntnis. Verurteile mir nicht das Leben, das einfach nur leben will, ohne Bestimmung und Ziel. Wer diese Wahrheit begreift, kommt zur Ruhe. Er wird sich an den nichtigsten Dingen erfreuen, einem Frauenschuh mit Schlammspritzern, Tau auf den Wiesen, der Schwalbe am Himmel, dem Duft frischen Heus, die um keine Spur nichtiger sind als er selbst.

Jan Koneffke, Die sieben Leben des Felix Kannmacher

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Fluchtlinien

In diesem Leben, das uns manchmal so vorkommt wie eine große Brachfläche ohne Wegweiser, inmitten all dieser Fluchtlinien und verlorenen Horizonte, würde man gern Bezugspunkte finden, eine Art von Kataster anlegen, um nicht länger das Gefühl zu haben, dass man sich ziellos treiben lässt.

Patrick Modiano, Im Café der verlorenen Zukunft

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Für mich ist der Herbst nie eine traurige Jahreszeit gewesen. Das welke Laub und die kürzer werdenden Tage haben mir nie das Ende von irgendwas bedeutet, vielmehr ein Warten auf die Zukunft. Die Luft ist elektrisch aufgeladen in Paris, an Oktoberabenden, wenn die Nacht herabsinkt. Sogar bei Regenwetter. Ich bin nie trübselig um diese Stunde, leide auch nicht unter der flüchtigen Zeit. Ich habe ein Gefühl, als sei alles möglich.

Patrick Modiano, Im Café der verlorenen Zukunft

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Monster

Your memory is a monster; you forget – it doesn’t. It simply files things away; it keeps things for you, or hides things from you. Your memory summons things to your recall with a will of its own. You imagine you have a memory, but your memory has you.

John Irving, In One Person

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Hybridgefühle

Meiner Erfahrung nach lassen sich Gefühle nicht mit einem Wort erfassen. Ich glaube nicht an »Trauer«, »Freude« oder »Bedauern«. Vielleicht der beste Beweis, dass die Sprache patriarchalisch ist, ist der, dass sie Gefühle grob vereinfacht. Ich hätte es gern, wenn mir Bezeichnungen komplizierter hybrider Gefühle zur Verfügung stünden, germanische Bandwurmkonstruktionen wie »das Glück, das die Katastrophe begleitet«. […] Ich würde gern zeigen, wie »von alternden Familienmitgliedern vorgebrachte Andeutungen der Sterblichkeit« sich mit dem »Hass auf Spiegel, der in mittleren Jahren beginnt« verbindet. Ich hätte gern ein Wort für »die Trauer, ausgelöst von miserabel besuchten Restaurants«, wie auch für »die Begeisterung, ein Hotelzimmer mit Minibar zu bekommen«.

Jeffrey Eugenides, Middlesex

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