Archive for Dezember 2012

Er machte sich Vorwürfe, mein Gott, in was bin ich hineingeraten.

Seine Stiefmutter redete so, immer etwas weinerlich, er musste sie Mutter nennen und er hasste und verachtete sie genauso wie seinen Vater.

Nein, mit solchen Menschen durfte er nichts gemeinsam haben.

Das aber klang wie ein väterliches Verbot.

Wozu der unbezähmbare Hass auf sie, wenn er trotzdem mit ihrer Stimme zu sich redete. Oder der verirrte Provinzler sprach aus ihm, den der plötzliche Anblick vieler unbekannter Menschen so aus der Fassung bringt, dass er seine eigenen Eindrücke nicht verstehen kann.

Aber es kam ihm nicht einmal der Gedanke, dass er in diesem Fall aufstehen und ruhig anderswohin gehen konnte, es zwang ihn ja niemand, sich hier aufzuregen.

Er beruhigte sein aufgewühltes Gewissen damit, dass er diese seltsamen Gestalten zwar sah und ihm ihr ganzes fürchterliches Treiben klar war, aber dass er nicht dazugehörte. Er schaute doch bloß aus gebührender Distanz zu, guckte doch bloß, seine Eltern hatten keinen Grund zur Beunruhigung. Er benahm sich anständig.

Aber gucken durfte man auch nicht.

Und so merkte er plötzlich, dass ihm auch sein Gewissen nicht gehörte.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Ein erleuchteter Zustand

Leute, hätte er rufen sollen, ich tue den ganzen Tag so, als wäre alles in Ordnung, aber dadurch leide ich noch mehr. Helft mir, irgendjemand, egal wer, soll kommen, ohne anzuklopfen, rennt mir die Tür ein, egal wann. Nein, er machte es genau umgekehrt, dachte das Gegenteil. Seine Gefühle ließ er nur an seinen Verstand heran, damit der seine Seelenqualen niederringe. Es ging ja auch so. Er sagte sich, dass der Mensch prinzipiell ein Einzelgänger sei, jeder für sich, und am meisten betrügen sich die Menschen, wenn sie in ihrem Fortpflanzungstrieb einen Vorwand für eine dauerhafte Verbindung suchen und sich vormachen, in einem anderen Menschen das berühmte Glück gefunden zu haben. Die würden dann schon noch erwachen. Seelenschmerz vorgeplant. Sie wissen das auch, tun es aber trotzdem. Er hingegen habe mehr Glück, weil er nicht zu solchem Selbstbetrug neige. Er sehe ja, wie andere den ganzen Tag nichts anderes tun, als einander zu hassen, zu vermissen, zu begehren, anzubeten, zu besitzen, er hingegen begehre niemanden, ihm fehle niemand, er komme sehr gut mit sich selbst aus und brauche niemanden zu quälen und zu hassen. Ein erleuchteter Zustand, unvoreingenommen könne er beobachten, was diese einander und sich selbst ausgelieferten Unglücklichen miteinander anstellen.

Die taten ihm wirklich leid.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Entrissen

Viele Tage lag er im Bett – hohes Fieber, melodiöse Delirien –, während Ärzte und Wunderheiler mit Salben und Beschwörungen versuchten, ihn aus seinem Koma zu wecken. Als er sich endlich vom Bett erhob, war er ein Gespenst, das sich kaum auf den Beinen hielt. Doch seiner Geliebten entrissen zu sein, war – wer hätte anderes erwartet? – der Kunst förderlich: Seine Musik wurde sentimental, dass die Tränen flossen, und die Texte atmeten eine männliche Dramatik. Die großartigen Liebeslieder von Crisanto Maravillas stammen aus diesen Jahren. Wenn die Musikerfreunde, die seine lieblichen Melodien begleiteten, die herzzerreißenden Verse von dem eingesperrten Mädchen hörten – kleiner Stieglitz in seinem Käfig, eingefangenes Täubchen, eine Blume, aufgelesen und entführt in den Tempel des Herrn –, die Verse von dem leidgebeugten Mann, der in der Ferne und ohne jede Hoffnung liebt, dann fragten sie sich jedes Mal: »Wer ist sie?« Und sie versuchten, mit jener Neugier, die Eva ins Verderben stieß, die Angebetete unter den Frauen zu erkennen, die den Troubadour belagerten.

Mario Vargas Llosa, Tante Julia und der Schreibkünstler

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Außerhalb der Zeit

Lügen ist schlecht. Es lässt dich bedauern, dass du je geboren wurdest. Und nicht geboren worden zu sein, ist ein Fluch. Du bist dazu verdammt, außerhalb der Zeit zu leben. Und wenn du außerhalb der Zeit lebst, gibt es keinen Tag und keine Nacht. Du hast nicht einmal die Chance zu sterben.

Paul Auster, Die New-York-Trilogie (Stadt aus Glas)

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Indieserschwierigensituation

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unddiedingesohändeln /
dasswirderüberzeugungsind /
wasdasbesteistinzukunft /
beisoeinerentscheidung /
dassmangerneeinenachtdrüberschläft /
umdasganzenochmalsackenzulassen /
waswirallebrauchenfürdiezukunft /
dasswireineabsoluteeinheitsind /
indenentscheidungendiewirtreffen /
unddiewirinzukunftauchtreffenwerden /
deswegenmussichauchdieseverantwortungtragen /
undderstelleichmichauch /
denndiemöglichkeitenwarenda /
denbockumzustoßen /
uswusf.

Zitatfetzen von Andreas Müller, Fußballmanager, bei der heutigen Pressekonferenz zur Entlassung von Fußballtrainer Markus Babbel

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Verlogenheit

Um uns aus einer Notsituation zu erretten, denke ich, sind wir selbst genauso verlogen wie die, denen wir diese Verlogenheit andauernd vorwerfen und derentwegen wir alle diese Leute fortwährend in den Schmutz ziehen und verachten, das ist die Wahrheit; wir sind überhaupt um nichts besser, als diese Leute, die wir andauernd nur als unerträgliche und widerliche Leute empfinden, als abstoßende Menschen, mit welchen wir möglichst wenig zu tun haben wollen, während wir doch, wenn wir ehrlich sind, andauernd mit ihnen zu tun haben und genauso sind wie sie. Wir werfen allen diesen Leuten alles mögliche Unerträgliche und Widerwärtige vor und sind selbst um nichts weniger unerträglich und widerwärtig und sind vielleicht noch viel unerträglicher und widerwärtiger als sie, denke ich.

Thomas Bernhard, Holzfällen: eine Erregung

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