Archive for Januar 2013

Collisions

As for myself: I had come to the conclusion that there was nothing sacred about myself or about any human being, that we were all machines, doomed to collide and collide and collide. For want of anything better to do, we became fans of collisions.

Kurt Vonnegut, Breakfast Of Champions

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Hunger

Was kann man sagen über den chronischen Hunger. Kann man sagen, es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger dazukommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig alten, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr über sich zu sagen weiß, als dass man Hunger hat. Wenn man an nichts anderes mehr denken kann. Der Gaumen ist größer als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel. Wenn man den Hunger nicht mehr aushält, zieht es im Gaumen, als wäre eine frische Hasenhaut zum Trocknen hinters Gesicht gespannt. Die Wangen verdorren und bedecken sich mit blassem Flaum.

[…]

Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden. Ich muss dem Hunger heute noch zeigen, dass ich ihm entkommen bin. Ich esse buchstäblich das Leben selbst, seit ich nicht mehr hungern muss. Ich bin eingesperrt in den Geschmack des Essens, wenn ich esse. Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern.

Herta Müller, Atemschaukel

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Bruchstücke

Es gibt nichts Schlimmeres, als im Dunkeln aufzuwachen. Alles und jedes muss von Beginn an neu durchgekaut werden. Man fühlt sich nach dem Aufwachen, als lebte man das Leben eines anderen. Und es dauert seine Zeit, bis man es mit seinem eigenen in Einklang gebracht hat. Merkwürdige Sache, das eigene Leben als das eines Fremden zu sehen. Man wundert sich, dass so einer überhaupt lebt.

Ich wusch mir in der Küche das Gesicht und trank bei der Gelegenheit gleich zwei Glas Wasser. Das Wasser war eiskalt, aber mein Gesicht glühte weiter. Ich setzte mich noch einmal aufs Sofa und suchte die Bruchstücke meines Lebens zusammen. Glanzstücke waren es nicht, aber immerhin kam mein Leben dabei heraus. Nach und nach fand ich wieder zu mir selbst. Jemandem zu erklären, dass ich ich selbst bin, ist nicht einfach. Aber vermutlich will das gar niemand wissen.

Haruki Murakami, Wilde Schafsjagd

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Das Nicht-Sagbare

Nein, so ist das nicht, wiederholte sie immer stiller. Man kann nicht alles auf einmal erzählen, das geht nicht, sagte sie […].

[…]

Ich sähe das falsch, ganz falsch, es verhalte sich nicht so, überhaupt nicht so, ich sähe das falsch.

Dann solle sie mir doch sagen, wieso ich es falsch sehe. Und warum man eigentlich nicht alles auf einmal erzählen könne. Wenn sie wolle, könne ich ihr alles auf einmal erzählen. Oder auf zweimal.

Ich solle nicht so schreien und vor allem nicht auf so spöttische Art.

Doch, ich schreie, wieso soll ich mit meiner eigenen Stimme nicht schreien.

[…]

Alles noch Sagbare bekam ein ungeheures Gewicht, das Nicht-Sagbare ein noch größeres und größere Bedrohlichkeit. Ich hatte wirklich das Gefühl, ich könnte ihr jetzt auf einmal, in einem Satz, mein ganzes Leben erzählen, alles, was ich je gedacht hatte oder dachte. Da war ein schauerliches, unbezähmbares Ganzes. Und kein Punkt, an dem man anfangen konnte, und auch den entsprechenden Tonfall gab es nicht.

Trotzdem hätten wir es einander bis zu einem gewissen Grad überlassen sollen. Das, was sich nicht sagen ließ.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Seelenlos

Viola und Szilvia sagten, der Grund sei, dass Ilonka Weisz mich ausgesprochen hasse, ich solle also nicht staunen, wenn ich Luft für sie sei. Sie könnten das der Ilonka Weisz gar nicht ausreden, denn kaum hätten sie sie schon fast erweicht, benähme ich mich wieder völlig seelenlos. Sie müssen das ertragen, mein seelenloses Benehmen, weil sie meine Cousinen seien und man von seinen Verwandten vieles schluckt, sogar Seelenlosigkeit, aber von Ilonka könne ich das nicht erwarten. Und sie bäten mich ganz im Vertrauen, wenigstens mit ihr nicht seelenlos zu sein, wenn ich mich schon mit ihnen so seelenlos benehme.

Das hätte ich gern befolgt, bloß war das Problem, dass ich von dem Ganzen kein Wort verstand.

Ich starrte sie an, während sie mir diesen ganzen Unsinn vorplapperten und Ilonka Weisz beinschlenkernd auf einer Bank saß und tat, als wisse sie nicht, was wir da redeten. […] Ich konnte mir nicht vorstellen, was ein seelenloses Benehmen war. Oder was ich tun müsste, um nicht mehr seelenlos zu sein. Ich verstand auch nicht, wieso zum Kuckuck Ilonka erweicht werden musste und was dieses mich betreffende Erweichen sein könnte. Eisen konnte man weich machen, oder man sagt vom Käse, vom Wasser, vom Frühlingswind, sie seien weich. Und damit jemand erweicht werden kann, muss er vorher hart gewesen sein. Aber Ilonka Weisz war nicht hart, sondern eine gewöhnliche, vorlaute Göre.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Abstufungen von Grau

Zwischen Krankheit und Gesundheit gibt es tatsächlich keine Grenzen, keinen Trennungsstrich, lieber Herr Madzar, da können Sie noch so spotten.

Warum sollte ich.

Schon die Klassiker der Psychologie haben eingesehen, dass man höchstens von Abstufungen reden kann. Eine schöne konventionelle Vorstellung, dass es zwischen den Menschen Grenzen gibt, oder auch in einem Menschen drin. Der Einzelne hat konstante Eigenschaften, aber der Mensch an sich ist ungehindert einsehbar, so wie auch die Eigenschaften formbar sind, je nach Situation ein anderes Gesicht zeigen, was bedeutet, dass sie uns verschiedene Fähigkeiten anbieten. Wieso wäre der Mensch sonst so anpassungsfähig. Ich erkenne gern an, dass das Fehlen von Grenzen oder Begrenztheit schwer zu formulieren, schwer zu fassen ist. Die Sprache arbeitet mit Gegenüberstellungen. Wenn ich Schwarz sage, habe ich Weiß bereits dazugedacht, nicht aber die wunderschönen Abstufungen von Grau. Wenn Sie von Wahnsinn reden oder von seelischer Krankheit, ist gleich der mörderische Gemeinplatz mit allen seinen Widersprüchen da, das Schema, die vernichtende sprachliche Konvention, und Sie merken gar nicht, dass Sie ein kulturell vorgegebenes Urteil über sich und andere gefällt haben. Mit dem Begriff grenzen Sie sich gegen das archaische Gemeinsame ab, von dem niemand loskommt. Man verdeckt seine kollektiven Eigenschaften mit dem Schema, der Konvention.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Im Rhythmus der Wiederholung

Unablässig lernte ich mit und von meiner Sinnlichkeit, lernte gewissermaßen zu dem hinzu, was ich mir früher mit Hilfe des Verstands angeeignet hatte, um es dann nach moralischen Gesichtspunkten zu bewerten und in mein Bewusstsein aufzunehmen. Da aber alles dauernd offen blieb, sich ständig veränderte und auf quälende Weise schillerte, gelangte ich zu keinem definitiven Wissen, höchstens, dass ich Wiederholungen bemerkte, im Rhythmus der Wiederholung ein unbegreifliches Naturgesetz ahnte. Ich sah nicht, wie man in dieser trostlosen Nacht je auslernen konnte. Höchstens, dass ich die immer neuen Situationen erfassen lernte und allmählich die Realität der um mich herum und parallel in mir drin ablaufenden Ereignisse akzeptierte, mich sozusagen damit abfand, dass das um mich und in mir Geschehende doch zu einem Teil meines Lebens würde, und so hörte auch das demütigende Zittern meiner Knie auf.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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