Archive for Februar 2013

Wiedererkennen

[…] und vielleicht ist das der Grund, weshalb wir Romane und Chroniken lesen und Filme anschauen, die Suche nach der Analogie, dem Symbol, die Suche nach dem Wiedererkennen, nicht nach Erkennen. Erzählen entstellt, die Dinge erzählen entstellt die Dinge und verdreht sie und verneint sie fast, alles Erzählte wird unwirklich und ungefähr, auch wenn es wahrhaftig ist, die Wahrheit hängt nicht davon ab, dass die Dinge waren oder geschehen sind, sondern davon, dass sie verborgen bleiben und unbekannt sind und nicht erzählt werden; sobald sie berichtet werden oder erscheinen oder sich zeigen, selbst im scheinbar Wirklichsten, im Fernsehen oder in der Zeitung, in dem, was Wirklichkeit oder Leben oder sogar wirkliches Leben genannt wird, werden sie Teil der Analogie und des Symbols und sind keine Tatsachen mehr, sondern Momente des Wiedererkennens. Die Wahrheit glänzt nie, wie es heißt, denn die einzige Wahrheit ist die, welche nicht gekannt oder übermittelt, welche nicht in Worte oder Bilder übertragen wird, die verdeckte und nicht erkundete, und vielleicht wird deshalb so viel erzählt oder alles erzählt, damit nie etwas geschehen ist, wenn es erzählt wird.

Javier Marías, Mein Herz so weiß

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Rückenstärken

Es ist die Brust einer andere Person, die uns den Rücken stärkt, wir fühlen uns nur wirklich geschützt, wenn jemand hinter uns steht, das besagt der Ausdruck selbst, in unserem Rücken, […], jemand, den wir vielleicht nicht sehen und der uns den Rücken deckt mit seiner Brust, die uns fast berührt und uns am Ende immer berührt, und bisweilen legt uns dieser Jemand sogar eine Hand auf die Schulter, mit der er uns besänftigt und auch uns hält. So schlafen oder glauben die meisten Ehepaare und Paare zu schlafen, beide drehen sich auf die gleiche Seite, wenn sie sich verabschieden, so dass einer dem anderen im Laufe der ganzen Nacht den Rücken zukehrt und sich von ihm oder ihr, von jenem anderen, geschützt weiß, und wenn er mitten in der Nacht aufwacht, aus einem Albtraum aufschreckend, oder nicht in den Schlaf finden kann, da er Fieber hat oder sich im Dunkeln allein und verlassen glaubt, dann braucht er sich nur umzudrehen und das Gesicht dessen vor sich zu sehen, der ihn beschützt, der sich überall dort küssen lassen wird, wo das Gesicht küssbar ist (Nase, Augen und Mund; Kinn, Stirn und Wangen, es ist das ganze Gesicht), oder ihm vielleicht im Halbschlaf eine Hand auf die Schulter legen wird, um ihn zu besänftigen oder um ihn zu halten oder womöglich, um sich festzuhalten.

Javier Marías, Mein Herz so weiß

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Nichts hat Bestand

Was sich ergibt, ist identisch mit dem, was sich nicht ergibt, was wir ausschließen oder vorbeigehen lassen, identisch mit dem, was wir nehmen und ergreifen, was wir erfahren, identisch mit dem, was wir nicht ausprobieren, und doch geht es um unser Leben und vergeht unser Leben damit, dass wir auswählen und ablehnen und entscheiden, dass wir eine Linie ziehen, welche diese identischen Dinge trennt und aus unserer Geschichte eine einzigartige Geschichte macht, an die wir uns erinnern und die sich erzählen lässt. Wir verwenden unsere ganze Intelligenz und unsere Sinne und unser Bestreben auf die Aufgabe, zu unterscheiden, was eingeebnet wird oder schon ist, und deshalb sind wir reich an Reuegefühlen und verpassten Gelegenheiten, an Bestätigungen und Bekräftigungen und genutzten Gelegenheiten, wo es doch so ist, dass nichts Bestand hat und alles verlorengeht. Oder womöglich hat es nie etwas gegeben.

Javier Marías, Mein Herz so weiß

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Unterströmungen

Das Meer hat Unterströmungen in sich wie die Menschen und braucht lange, um nach Aufregungen wieder zur Ruhe zu kommen. Nur selten ist es möglich, nach der Oberfläche zu urteilen, weder bei Mensch noch Meer, und so geschieht es leicht, dass man sich täuscht und mit seinem Leben oder Glück bezahlen muss: Ich habe dich geheiratet, weil du an der Oberfläche so ruhig und schön warst, und jetzt bin ich unglücklich. Ich bin zur See gegangen, weil ihr Spiegel so ruhig dalag, und jetzt bin ich tot, weine unter anderen Ertrunkenen am Meeresgrund, die Fische schwimmen um mich herum.

Jón Kalman Stefánsson, Der Schmerz der Engel

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Sämtliche Atteste, Entschuldigungen und Mitteilungen der Welt sollten von dem Folgenden handeln:

– Ich komme aus Trauer heute nicht zur Arbeit.

– Ich habe gestern diese Augen gesehen und komme deswegen nicht zur Arbeit.

– Ich kann heute unmöglich kommen, weil mein Mann nackt ist und so schön.

– Ich komme heute nicht, weil mich das Leben verraten hat.

– Ich komme heute nicht zur Besprechung, weil hier draußen vor dem Fenster eine Frau ein Sonnenbad nimmt und die Sonne ihre Haut so schön leuchten lässt.

Wir trauen uns nie, so etwas zu schreiben, wir beschreiben nie die Elektrizität zwischen zwei Menschen, sondern reden stattdessen über Preisentwicklungen, wir beschreiben das Äußere, nicht das Pochen des Blutes, suchen nicht nach der Wahrheit, nach Gedichtzeilen, sondern verstecken unsere Ohnmacht und unsere Resignation im Herunterbeten von Tatsachen: Türkische Armee Mobilmachung, gestern zwei Grad Frost, Männer leben länger als Pferde.

Jón Kalman Stefánsson, Der Schmerz der Engel

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