Archive for September 2013

Her mit neuen Gräueln

Die Leute wollen nicht mehr wissen, warum irgendetwas passiert ist, nur, dass es passierte und dass die Welt voller Leichtsinn, Gefahr, Bedrohung und Unglück ist, die unsereins nur streifen, dagegen die unachtsamen, vielleicht nicht auserwählten Mitmenschen ereilen und umbringen. Wir leben mühelos mit tausenderlei ungelösten Rätseln, die uns morgens zehn Minuten beschäftigen und dann vergessen werden, ohne Unbehagen, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Wir spüren die Notwendigkeit, uns in nichts mehr zu vertiefen, uns mit keinem Vorfall, keiner Geschichte länger aufzuhalten, unsere Aufmerksamkeit soll immer weiterhüpfen, sie will immer neues fremdes Unglück, als dächten wir bei jedem Einzelnen: ›Natürlich, wie grauenvoll. Weiter. Welchen Schrecken sind wir noch entkommen? Wir müssen uns täglich als Überlebende, als Unsterbliche fühlen, den anderen zum Trotz, also her mit neuen Gräueln, die gestrigen haben wir schon verbraucht.‹

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Wie sollte mir das in hoffnungsfrohen Nächten oder im nebelhaften Gefühlsrausch auch nicht durch den Kopf gehen, wenn doch Leute ohne jegliches Talent herumlaufen, die ihren Zeitgenossen einreden können, wie hochtalentiert sie sind, und Idioten und Hochstapler, die erfolgreich ein halbes Leben lang und länger vortäuschen, Intelligenzbestien zu sein, und denen man zuhört wie einem Orakel; wenn es doch Menschen gibt, die für ihr Fach völlig unbegabt sind und dennoch darin eine glänzende Karriere hinlegen, unter aller Beifall, zumindest bis sie die Welt verlassen, die sie unverzüglich dem Vergessen überantwortet; wenn es doch wahre Flegel gibt, die Mode und Garderobe der Wohlerzogenen diktieren, welche ihnen rätselhaft und restlos Folge leisten, und widerwärtige, tückische, böswillige Männer und Frauen, die dennoch allerorten Leidenschaft erwecken; und wenn es auch immer wieder das groteske Liebeswerben gibt, das zum Scheitern und zum Spott verurteilt ist, sich am Ende jedoch durchsetzt und erhört wird, entgegen jeder Vorhersage und Vernunft, entgegen jeder Wette und Wahrscheinlichkeit.

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Die kleine Melancholie

Es war neu, dass ich die kleine Melancholie, die oft bei mir zu Besuch war, einem klaren Ursprung zuordnen konnte. Der bedauernswerte Zufall, der Menschen geschaffen hat, ohne sie mit einer klaren Aufgabe auszustatten, war ohne jemanden, den man gerne berühren wollte, schwer zu ertragen.

Sibylle Berg, Der Mann schläft

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Wir wirken wie zwei Figuren aus einem existenzialistischen Film, der sechs Stunden dauert und in dem kaum gesprochen wird, in minutenlangen Sequenzen rinnt Wasser an Scheiben hinunter, und ein nasser Hund eiert am Horizont entlang.

Sibylle Berg, Der Mann schläft

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Wir können nicht beanspruchen, die Ersten, Bevorzugten zu sein, wir sind nur, was verfügbar ist, sind die Überreste, die Rückstände, die Überlebenden, das, was zurückbleibt, der Saldo, und auf diesem wenig edlen Fundament erhebt sich mitunter die größte Liebe, gründen sich die besten Familien, das ist unser aller Ursprung, wir sind Ergebnis von Zufall und Konformismus, von dem, was andere abwarfen, zu dem sie sich nicht trauten, bei dem sie scheiterten, und trotzdem gäben wir manchmal alles darum, mit dem zusammenzubleiben, den wir einmal auf einem Dachboden oder bei einem Ausverkauf aufgegabelt oder beim Kartenspiel gewonnen haben oder der uns aus dem Abfall geklaubt hat; entgegen aller Wahrscheinlichkeit sind wir überzeugt von unseren zufälligen Verliebtheiten, und viele glauben, die Hand des Schicksals bei dem zu sehen, was nicht mehr ist als eine Dorftombola, wenn der Sommer zur Neige geht …

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Oberflächlich und ungefähr

Das wird die Tatsache, der Umstand sein, das wird sie denen sagen, die man ihr vorstellt und die sie nach ihren Verhältnissen fragen, wird bestimmt nicht einmal erklären wollen, wie es geschah, zu schrecklich, zu unheilvoll wäre es, um es einer neuen Bekanntschaft zu erzählen, nachdem sie etwas Abstand gewonnen hätte, denn es würde sogleich einen dunklen Schatten auf jedes Gespräch werfen. Und genau das werden auch die anderen von ihr sagen, und was man von uns sagt, definiert uns zum Teil, wenn auch oberflächlich und ungefähr, doch letzten Endes bleiben wir zwangsläufig für fast alle Welt oberflächlich, eine Skizze, ein paar hingeworfene Pinselstriche.

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Eine unpopuläre Idee

Ich hatte aufgehört zu träumen, von Freitreppen, auf denen ich in mein Schloss wandeln würde, Friedensnobelpreisen oder der Begegnung mit der großen Liebe. Dazu hatte ich sie schon zu oft getroffen. Dem ungeheuren Theater, das uns allen ständig als Gradmesser der eigenen Gefühle vorgeführt wird, misstraute ich bereits nach dem Ende der Pubertät. Da musste immer Besinnungslosigkeit sein und Kontrollverlust, Auflösung und unbedingt Seelenverwandtschaft. Alles Zustände, die mir zuwider waren. Ich fand meine Seele nicht so überragend, dass ich mir noch einen mit den gleichen Unfähigkeiten gewünscht hätte. Liebe wurde in der öffentlichen Wahrnehmung mit etwas Pathologischem gleichgesetzt und hatte mit weggebissener Unterwäsche und Schweiß zu tun. Dass es sich im besseren Fall um etwas Familiäres, Freundschaftliches handelte, war eine unpopuläre Idee.

Sibylle Berg, Der Mann schläft

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