Posts Tagged ‘David Foster Wallace’

Übung und Sorgfalt

Mein Sohn … mein Sohn, du wirst das weglegen müssen, was ist das, die Neuausgabe des Columbia-Handbuchs der Refraktionsindizes, mein Sohn. Sieht sowieso schwer aus. Ein Sehnenzerrer. Versaut dir den Pronator teres und umliegende Sehnen, bevor du überhaupt angefangen hast. Du wirst das Buch ausnahmsweise weglegen müssen, junger Sir Jimbo, ohne eine schiere Ewigkeit gewissenhafter Übung und Sorgfalt handhabt man nicht gleichzeitig zwei Objekte, ein Brando würde solche Ent… nein, du lässt das Buch nicht einfach fallen, mein Sohn, du lässt das gefälligst, lass das große alte Handbuch der Indizes nicht einfach auf den staubigen Garagenboden fallen, sodass eine vierseitige Staubblüte aufsteigt und unsere hübschen weißen Tennissocken ergrauen lässt, bevor wir den Court überhaupt erreicht haben, Junge, mein Gott, ich habe dir gerade fünf Minuten lang erklärt, dass der Schlüssel zu einem auch nur potenziell großartigen Spieler darin verborgen liegt, den Dingen eben genau den … gib her, ich nehm das mal … Bücher lässt man nicht einfach krachend fallen, wie man Flaschen in den Mülleimer schmeißt, man legt sie aus der Hand, geführt, alle Sinne aufgedreht, spürt die Kanten, den Druck auf den Fingerkuppen beider Hände, während man mit dem Buch in die Knie geht, den leicht gasigen Zug, wenn die Luft auf dem staubigen Fußboden … wenn die Fußbodenluft von der viereckigen Fläche verdrängt wird, ohne Staub aufzuwirbeln. Soooo. Nicht so.

David Foster Wallace, Unendlicher Spaß

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Du bist eine Maschine

Mein Sohn, du bist zehn, und ein Zehnjähriger hat daran zu knapsen, auch wenn er knapp eins achtzig groß ist und möglicherweise eine wild gewordene Hypophyse hat. Mein Sohn, du bist ein Körper, mein Sohn. Dieses schnelle kleine naturwissenschaftliche Wunderkindgehirn, auf das sie so stolz ist, dass sie den Mund nicht mehr zukriegt: Mein Sohn, das sind alles bloß Nervenkrämpfe, alle Gedanken in deinem Hirn sind nur Begleitgeräusche eines auf Touren kommenden Kopfes, und auch Kopf ist bloß Körper, Jim. Bleib dessen stets eingedenk. Kopf ist Körper. Jim, such mit deinen zehn Jahren Halt an meiner Schulter ob dieser schlimmen Neuigkeit: Du bist eine Maschine, ein Körper, ein Ding, Jim, genau wie dieser rubinrote Montclair, der aufgerollte Schlauch hier oder die Harke dort für den Kies im Vorgarten oder, du lieber Gott, die eklige fette Spinne, die in ihrem Netz dort oben über dem Harkenstiel die Muskeln spielen lässt, siehst du? Siehst du sie? Latrodectus mactans, Jim. Witwe. Nimm den Schläger, gleite anmutig und gefühlvoll hinüber und bring die Witwe für mich um, junger Mann. Geh schon. Lass sie »K« sagen. Gefangene werden nicht gemacht. Braver Junge. Auf einen spinnenlosen Abschnitt der Gemeinschaftsgarage. Ah. Körper, Körper überall. Ein Tennisball ist der vollendete Körper, Junge.

David Foster Wallace, Unendlicher Spaß

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Wer dieses Auto stimulieren will, Jim, der muss dieses Auto kennen, der muss es fühlen, der muss mehr darinstecken als bloß … bloß hinter dem Lenkrad. Es ist ein Gegenstand, Jim, ein Körper, aber lass dich davon nicht täuschen, solange er so stumm hier steht. Er wird reagieren. Wenn man ihm Gerechtigkeit widerfahren lässt. Pflege angedeihen lässt. Er ist ein Körper und wird mit einem gutgeölten Schnurren reagieren, sobald ich ihm eine anständige Portion Öl verabreicht habe, ein echter Mercury bis hoch zu 153 Sachen allein für den Fahrer, der ihn wie seinen eigenen Körper behandelt, der den großen Stahlkörper fühlt, in dem er sitzt, der beim Schalten fast unbewusst das knotige Plastik des Schaltknüppels neben dem Lenkrad spürt; wie er die Haut und das Fleisch, die Muskeln, Sehnen und von grauen spinnwebartigen Nerven umzogenen Knochen der blutgenährten Hand spürt, so spürt er beim Schalten das Plastik und das Metall, den Flansch und die Zahnräder, die Kolben, Gummis und Pleuelstangen des ambrabefeuerten Montclair. Das Körperrot einer aufgebissenen Lippe, das mit seidigen 130 Sachen und mehr dahinprescht. Jim, ein Hoch auf unsere Kenntnis von Körpern. Auf das Hochleistungstennis auf der Straße des Lebens. Ah. Oh.

David Foster Wallace, Unendlicher Spaß

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Ich weissage es dir hier und heute, junger Mann. Du wirst einmal ein großer Tennisspieler. Ich war fast groß. Du wirst ganz groß werden. Der einzig Wahre. Ich weiß, noch habe ich dir nicht beigebracht, wie man spielt, ich weiß, das ist heute dein erstes Mal, Jim, Herrgott, immer mit der Ruhe, ich weiß. Meine Weitsicht wird davon nicht beeinträchtigt. Du wirst mich in den Schatten stellen und auslöschen. Heute fängst du an, und in einigen Jahren, das weiß ich nur zu gut, wirst du mich da draußen schlagen, und an dem Tag, an dem du mich zum ersten Mal schlägst, muss ich wahrscheinlich weinen. Aus einer Art selbstlosem Stolz heraus, aus der überschwänglichen Freude eines ausgelöschten Vaters heraus. Ich spüre es, Jim, schon heute, wo ich hier auf dem heißen Schotter stehe und dich anschaue: In deinen Augen sehe ich das Verständnis für Winkel, das intuitive Erfassen eines Dralls, und ich sehe, wie du heute schon deinen allzu groß geratenen und ungeschickten Kinderkörper auf dem Stuhl austarierst, um gegen Teller, Löffel, Linsenschleifgerät oder einen steifen Buchrücken die beste Kraftentfaltung zu erzielen. Das machst du unbewusst. Das machst du dir gar nicht klar. Aber ich sehe es, ich beobachte es. Verlass dich drauf, mein Sohn.

David Foster Wallace, Unendlicher Spaß

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Sie hat nie verstanden, dass Brando auf soliden Bühnen von Küste zu Küste das Äquivalent von Hochleistungstennis gespielt hat, Jim, so sieht das doch aus. Jim, er bewegte sich wie ein unbekümmerter Junglachs, ein einziger großer Muskel, von muskulöser Naivität, aber immer, pass auf, ein Junglachs im Zentrum eines klaren Stroms. Mit animalischer Anmut. Der Mistkerl vergeudete keine einzige Bewegung, dadurch wurde es doch erst zu Kunst, durch diese rohe Achtlosigkeit.

David Foster Wallace, Unendlicher Spaß

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