Posts Tagged ‘Gaito Gasdanow’

Dieses gleichmäßige Rauschen des Regens, dieser Kopf, der auf meinen Knien lag – und meine Muskeln gewöhnten sich bereits an die runde und sanfte Schwere, die sie spürten –, dieses Gesicht, auf das ich im Dunkeln blickte, gleichsam über mein eigenes Schicksal gebeugt, und diese unvergessliche Empfindung seliger Fülle – wie war das nur möglich gewesen? Im Lauf meines Lebens hatte ich so viel Tragisches oder Abscheuliches gesehen, so oft hatte ich Treubruch, Feigheit, Abtrünnigkeit, Habsucht, Dummheit und Verbrechen gesehen, ich war dermaßen davon vergiftet, dass ich nicht mehr hätte imstande sein dürfen, überhaupt etwas zu fühlen, was einen auch nur fernen Widerschein einer auch nur kurzzeitigen Vollkommenheit in sich trug. Während dieser Stunden war ich weit weg von den Zweifeln, die mich gewöhnlich nie verließen, von der stets zu spürenden Traurigkeit, vom Spott – von allem, was meine ständige Einstellung gegenüber dem bestimmte, was mir widerfuhr. Mir schien, wäre nicht gewesen, was nun war, so hätte ich mein Leben umsonst gelebt, und das würde immer so sein, ganz gleich, was noch passieren sollte.

Gaito Gasdanow, Das Phantom des Alexander Wolf

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Ja, und dann diese tröstliche Philosophie: dass wir jeden Tag durch kosmische Katastrophen gingen, doch das Unglück sei, dass die kosmischen Katastrophen uns gleichgültig ließen, während die geringste Veränderung in unserem eigenen, so unbedeutenden Leben Schmerz oder Bedauern hervorrufe, und daran lasse sich überhaupt nichts ändern. »Wer bringt uns diese Zeit zurück?« Niemand natürlich, aber wenn dieses Wunder einträte, fänden wir uns in ein fremdes und fernes Leben versetzt, und wer weiß, ob es besser wäre als das unsere. Im übrigen, was heißt besser? Das Leben, das uns beschieden ist, kann nicht anders sein, keine Macht wäre imstande, es zu ändern, nicht einmal das Glück, welches zur selben Kategorie gehört wie die Vorstellung vom Tod, da es die Idee der Unbeweglichkeit in sich birgt. Ohne Unbeweglichkeit kein Glück – jenes Glück, das ein orientalischer Herrscher »weder in den Büchern der Weisheit noch auf dem Rücken der Pferde, noch an der Brust einer Frau« finden konnte.

Gaito Gasdanow, Das Phantom des Alexander Wolf

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Allmählich gewann ich den Eindruck, meine Rolle bestehe überhaupt darin, dass ich nach einer Katastrophe auftauche und alle, mit denen mir seelische Nähe beschieden ist, davor unweigerlich Opfer eines Unglücks geworden sind. In einigen Fällen nahm das einen eher tragischen Charakter an, in anderen einen weniger tragischen, aber immer war es schwierig und zudem noch dadurch kompliziert, dass ich aufgrund einer schädlichen alten Gewohnheit, der ich mich nicht entziehen konnte, jedesmal ausgiebig und unablässig alles durchdachte und die Dinge nicht nahm, wie sie waren, sondern um sie herum ein ganzes System eigener und überflüssiger Vermutungen errichtete, wie es sein könnte, wenn es anders wäre. Immer suchte ich nach den Gründen, welche diese oder jene Katastrophe hervorgerufen hatten […]

Gaito Gasdanow, Das Phantom des Alexander Wolf

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»Jede Liebe ist der Versuch, sein Schicksal aufzuhalten, es ist die naive Illusion einer kurzen Unsterblichkeit«, sagte er einmal. »Dennoch ist es wohl das Beste, was uns zu erfahren gegeben ward. Aber selbst darin lässt sich natürlich die langsame Arbeit des Todes erblicken.«

Gaito Gasdanow, Das Phantom des Alexander Wolf

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