Posts Tagged ‘Javier Marías’

Her mit neuen Gräueln

Die Leute wollen nicht mehr wissen, warum irgendetwas passiert ist, nur, dass es passierte und dass die Welt voller Leichtsinn, Gefahr, Bedrohung und Unglück ist, die unsereins nur streifen, dagegen die unachtsamen, vielleicht nicht auserwählten Mitmenschen ereilen und umbringen. Wir leben mühelos mit tausenderlei ungelösten Rätseln, die uns morgens zehn Minuten beschäftigen und dann vergessen werden, ohne Unbehagen, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Wir spüren die Notwendigkeit, uns in nichts mehr zu vertiefen, uns mit keinem Vorfall, keiner Geschichte länger aufzuhalten, unsere Aufmerksamkeit soll immer weiterhüpfen, sie will immer neues fremdes Unglück, als dächten wir bei jedem Einzelnen: ›Natürlich, wie grauenvoll. Weiter. Welchen Schrecken sind wir noch entkommen? Wir müssen uns täglich als Überlebende, als Unsterbliche fühlen, den anderen zum Trotz, also her mit neuen Gräueln, die gestrigen haben wir schon verbraucht.‹

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Wie sollte mir das in hoffnungsfrohen Nächten oder im nebelhaften Gefühlsrausch auch nicht durch den Kopf gehen, wenn doch Leute ohne jegliches Talent herumlaufen, die ihren Zeitgenossen einreden können, wie hochtalentiert sie sind, und Idioten und Hochstapler, die erfolgreich ein halbes Leben lang und länger vortäuschen, Intelligenzbestien zu sein, und denen man zuhört wie einem Orakel; wenn es doch Menschen gibt, die für ihr Fach völlig unbegabt sind und dennoch darin eine glänzende Karriere hinlegen, unter aller Beifall, zumindest bis sie die Welt verlassen, die sie unverzüglich dem Vergessen überantwortet; wenn es doch wahre Flegel gibt, die Mode und Garderobe der Wohlerzogenen diktieren, welche ihnen rätselhaft und restlos Folge leisten, und widerwärtige, tückische, böswillige Männer und Frauen, die dennoch allerorten Leidenschaft erwecken; und wenn es auch immer wieder das groteske Liebeswerben gibt, das zum Scheitern und zum Spott verurteilt ist, sich am Ende jedoch durchsetzt und erhört wird, entgegen jeder Vorhersage und Vernunft, entgegen jeder Wette und Wahrscheinlichkeit.

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Wir können nicht beanspruchen, die Ersten, Bevorzugten zu sein, wir sind nur, was verfügbar ist, sind die Überreste, die Rückstände, die Überlebenden, das, was zurückbleibt, der Saldo, und auf diesem wenig edlen Fundament erhebt sich mitunter die größte Liebe, gründen sich die besten Familien, das ist unser aller Ursprung, wir sind Ergebnis von Zufall und Konformismus, von dem, was andere abwarfen, zu dem sie sich nicht trauten, bei dem sie scheiterten, und trotzdem gäben wir manchmal alles darum, mit dem zusammenzubleiben, den wir einmal auf einem Dachboden oder bei einem Ausverkauf aufgegabelt oder beim Kartenspiel gewonnen haben oder der uns aus dem Abfall geklaubt hat; entgegen aller Wahrscheinlichkeit sind wir überzeugt von unseren zufälligen Verliebtheiten, und viele glauben, die Hand des Schicksals bei dem zu sehen, was nicht mehr ist als eine Dorftombola, wenn der Sommer zur Neige geht …

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Oberflächlich und ungefähr

Das wird die Tatsache, der Umstand sein, das wird sie denen sagen, die man ihr vorstellt und die sie nach ihren Verhältnissen fragen, wird bestimmt nicht einmal erklären wollen, wie es geschah, zu schrecklich, zu unheilvoll wäre es, um es einer neuen Bekanntschaft zu erzählen, nachdem sie etwas Abstand gewonnen hätte, denn es würde sogleich einen dunklen Schatten auf jedes Gespräch werfen. Und genau das werden auch die anderen von ihr sagen, und was man von uns sagt, definiert uns zum Teil, wenn auch oberflächlich und ungefähr, doch letzten Endes bleiben wir zwangsläufig für fast alle Welt oberflächlich, eine Skizze, ein paar hingeworfene Pinselstriche.

Javier Marías, Die sterblich Verliebten

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Wiedererkennen

[…] und vielleicht ist das der Grund, weshalb wir Romane und Chroniken lesen und Filme anschauen, die Suche nach der Analogie, dem Symbol, die Suche nach dem Wiedererkennen, nicht nach Erkennen. Erzählen entstellt, die Dinge erzählen entstellt die Dinge und verdreht sie und verneint sie fast, alles Erzählte wird unwirklich und ungefähr, auch wenn es wahrhaftig ist, die Wahrheit hängt nicht davon ab, dass die Dinge waren oder geschehen sind, sondern davon, dass sie verborgen bleiben und unbekannt sind und nicht erzählt werden; sobald sie berichtet werden oder erscheinen oder sich zeigen, selbst im scheinbar Wirklichsten, im Fernsehen oder in der Zeitung, in dem, was Wirklichkeit oder Leben oder sogar wirkliches Leben genannt wird, werden sie Teil der Analogie und des Symbols und sind keine Tatsachen mehr, sondern Momente des Wiedererkennens. Die Wahrheit glänzt nie, wie es heißt, denn die einzige Wahrheit ist die, welche nicht gekannt oder übermittelt, welche nicht in Worte oder Bilder übertragen wird, die verdeckte und nicht erkundete, und vielleicht wird deshalb so viel erzählt oder alles erzählt, damit nie etwas geschehen ist, wenn es erzählt wird.

Javier Marías, Mein Herz so weiß

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Rückenstärken

Es ist die Brust einer andere Person, die uns den Rücken stärkt, wir fühlen uns nur wirklich geschützt, wenn jemand hinter uns steht, das besagt der Ausdruck selbst, in unserem Rücken, […], jemand, den wir vielleicht nicht sehen und der uns den Rücken deckt mit seiner Brust, die uns fast berührt und uns am Ende immer berührt, und bisweilen legt uns dieser Jemand sogar eine Hand auf die Schulter, mit der er uns besänftigt und auch uns hält. So schlafen oder glauben die meisten Ehepaare und Paare zu schlafen, beide drehen sich auf die gleiche Seite, wenn sie sich verabschieden, so dass einer dem anderen im Laufe der ganzen Nacht den Rücken zukehrt und sich von ihm oder ihr, von jenem anderen, geschützt weiß, und wenn er mitten in der Nacht aufwacht, aus einem Albtraum aufschreckend, oder nicht in den Schlaf finden kann, da er Fieber hat oder sich im Dunkeln allein und verlassen glaubt, dann braucht er sich nur umzudrehen und das Gesicht dessen vor sich zu sehen, der ihn beschützt, der sich überall dort küssen lassen wird, wo das Gesicht küssbar ist (Nase, Augen und Mund; Kinn, Stirn und Wangen, es ist das ganze Gesicht), oder ihm vielleicht im Halbschlaf eine Hand auf die Schulter legen wird, um ihn zu besänftigen oder um ihn zu halten oder womöglich, um sich festzuhalten.

Javier Marías, Mein Herz so weiß

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Nichts hat Bestand

Was sich ergibt, ist identisch mit dem, was sich nicht ergibt, was wir ausschließen oder vorbeigehen lassen, identisch mit dem, was wir nehmen und ergreifen, was wir erfahren, identisch mit dem, was wir nicht ausprobieren, und doch geht es um unser Leben und vergeht unser Leben damit, dass wir auswählen und ablehnen und entscheiden, dass wir eine Linie ziehen, welche diese identischen Dinge trennt und aus unserer Geschichte eine einzigartige Geschichte macht, an die wir uns erinnern und die sich erzählen lässt. Wir verwenden unsere ganze Intelligenz und unsere Sinne und unser Bestreben auf die Aufgabe, zu unterscheiden, was eingeebnet wird oder schon ist, und deshalb sind wir reich an Reuegefühlen und verpassten Gelegenheiten, an Bestätigungen und Bekräftigungen und genutzten Gelegenheiten, wo es doch so ist, dass nichts Bestand hat und alles verlorengeht. Oder womöglich hat es nie etwas gegeben.

Javier Marías, Mein Herz so weiß

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