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Unterströmungen

Das Meer hat Unterströmungen in sich wie die Menschen und braucht lange, um nach Aufregungen wieder zur Ruhe zu kommen. Nur selten ist es möglich, nach der Oberfläche zu urteilen, weder bei Mensch noch Meer, und so geschieht es leicht, dass man sich täuscht und mit seinem Leben oder Glück bezahlen muss: Ich habe dich geheiratet, weil du an der Oberfläche so ruhig und schön warst, und jetzt bin ich unglücklich. Ich bin zur See gegangen, weil ihr Spiegel so ruhig dalag, und jetzt bin ich tot, weine unter anderen Ertrunkenen am Meeresgrund, die Fische schwimmen um mich herum.

Jón Kalman Stefánsson, Der Schmerz der Engel

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Sämtliche Atteste, Entschuldigungen und Mitteilungen der Welt sollten von dem Folgenden handeln:

– Ich komme aus Trauer heute nicht zur Arbeit.

– Ich habe gestern diese Augen gesehen und komme deswegen nicht zur Arbeit.

– Ich kann heute unmöglich kommen, weil mein Mann nackt ist und so schön.

– Ich komme heute nicht, weil mich das Leben verraten hat.

– Ich komme heute nicht zur Besprechung, weil hier draußen vor dem Fenster eine Frau ein Sonnenbad nimmt und die Sonne ihre Haut so schön leuchten lässt.

Wir trauen uns nie, so etwas zu schreiben, wir beschreiben nie die Elektrizität zwischen zwei Menschen, sondern reden stattdessen über Preisentwicklungen, wir beschreiben das Äußere, nicht das Pochen des Blutes, suchen nicht nach der Wahrheit, nach Gedichtzeilen, sondern verstecken unsere Ohnmacht und unsere Resignation im Herunterbeten von Tatsachen: Türkische Armee Mobilmachung, gestern zwei Grad Frost, Männer leben länger als Pferde.

Jón Kalman Stefánsson, Der Schmerz der Engel

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