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Entrissen

Viele Tage lag er im Bett – hohes Fieber, melodiöse Delirien –, während Ärzte und Wunderheiler mit Salben und Beschwörungen versuchten, ihn aus seinem Koma zu wecken. Als er sich endlich vom Bett erhob, war er ein Gespenst, das sich kaum auf den Beinen hielt. Doch seiner Geliebten entrissen zu sein, war – wer hätte anderes erwartet? – der Kunst förderlich: Seine Musik wurde sentimental, dass die Tränen flossen, und die Texte atmeten eine männliche Dramatik. Die großartigen Liebeslieder von Crisanto Maravillas stammen aus diesen Jahren. Wenn die Musikerfreunde, die seine lieblichen Melodien begleiteten, die herzzerreißenden Verse von dem eingesperrten Mädchen hörten – kleiner Stieglitz in seinem Käfig, eingefangenes Täubchen, eine Blume, aufgelesen und entführt in den Tempel des Herrn –, die Verse von dem leidgebeugten Mann, der in der Ferne und ohne jede Hoffnung liebt, dann fragten sie sich jedes Mal: »Wer ist sie?« Und sie versuchten, mit jener Neugier, die Eva ins Verderben stieß, die Angebetete unter den Frauen zu erkennen, die den Troubadour belagerten.

Mario Vargas Llosa, Tante Julia und der Schreibkünstler

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