Posts Tagged ‘Péter Nádas’

Das Nicht-Sagbare

Nein, so ist das nicht, wiederholte sie immer stiller. Man kann nicht alles auf einmal erzählen, das geht nicht, sagte sie […].

[…]

Ich sähe das falsch, ganz falsch, es verhalte sich nicht so, überhaupt nicht so, ich sähe das falsch.

Dann solle sie mir doch sagen, wieso ich es falsch sehe. Und warum man eigentlich nicht alles auf einmal erzählen könne. Wenn sie wolle, könne ich ihr alles auf einmal erzählen. Oder auf zweimal.

Ich solle nicht so schreien und vor allem nicht auf so spöttische Art.

Doch, ich schreie, wieso soll ich mit meiner eigenen Stimme nicht schreien.

[…]

Alles noch Sagbare bekam ein ungeheures Gewicht, das Nicht-Sagbare ein noch größeres und größere Bedrohlichkeit. Ich hatte wirklich das Gefühl, ich könnte ihr jetzt auf einmal, in einem Satz, mein ganzes Leben erzählen, alles, was ich je gedacht hatte oder dachte. Da war ein schauerliches, unbezähmbares Ganzes. Und kein Punkt, an dem man anfangen konnte, und auch den entsprechenden Tonfall gab es nicht.

Trotzdem hätten wir es einander bis zu einem gewissen Grad überlassen sollen. Das, was sich nicht sagen ließ.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Seelenlos

Viola und Szilvia sagten, der Grund sei, dass Ilonka Weisz mich ausgesprochen hasse, ich solle also nicht staunen, wenn ich Luft für sie sei. Sie könnten das der Ilonka Weisz gar nicht ausreden, denn kaum hätten sie sie schon fast erweicht, benähme ich mich wieder völlig seelenlos. Sie müssen das ertragen, mein seelenloses Benehmen, weil sie meine Cousinen seien und man von seinen Verwandten vieles schluckt, sogar Seelenlosigkeit, aber von Ilonka könne ich das nicht erwarten. Und sie bäten mich ganz im Vertrauen, wenigstens mit ihr nicht seelenlos zu sein, wenn ich mich schon mit ihnen so seelenlos benehme.

Das hätte ich gern befolgt, bloß war das Problem, dass ich von dem Ganzen kein Wort verstand.

Ich starrte sie an, während sie mir diesen ganzen Unsinn vorplapperten und Ilonka Weisz beinschlenkernd auf einer Bank saß und tat, als wisse sie nicht, was wir da redeten. […] Ich konnte mir nicht vorstellen, was ein seelenloses Benehmen war. Oder was ich tun müsste, um nicht mehr seelenlos zu sein. Ich verstand auch nicht, wieso zum Kuckuck Ilonka erweicht werden musste und was dieses mich betreffende Erweichen sein könnte. Eisen konnte man weich machen, oder man sagt vom Käse, vom Wasser, vom Frühlingswind, sie seien weich. Und damit jemand erweicht werden kann, muss er vorher hart gewesen sein. Aber Ilonka Weisz war nicht hart, sondern eine gewöhnliche, vorlaute Göre.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Abstufungen von Grau

Zwischen Krankheit und Gesundheit gibt es tatsächlich keine Grenzen, keinen Trennungsstrich, lieber Herr Madzar, da können Sie noch so spotten.

Warum sollte ich.

Schon die Klassiker der Psychologie haben eingesehen, dass man höchstens von Abstufungen reden kann. Eine schöne konventionelle Vorstellung, dass es zwischen den Menschen Grenzen gibt, oder auch in einem Menschen drin. Der Einzelne hat konstante Eigenschaften, aber der Mensch an sich ist ungehindert einsehbar, so wie auch die Eigenschaften formbar sind, je nach Situation ein anderes Gesicht zeigen, was bedeutet, dass sie uns verschiedene Fähigkeiten anbieten. Wieso wäre der Mensch sonst so anpassungsfähig. Ich erkenne gern an, dass das Fehlen von Grenzen oder Begrenztheit schwer zu formulieren, schwer zu fassen ist. Die Sprache arbeitet mit Gegenüberstellungen. Wenn ich Schwarz sage, habe ich Weiß bereits dazugedacht, nicht aber die wunderschönen Abstufungen von Grau. Wenn Sie von Wahnsinn reden oder von seelischer Krankheit, ist gleich der mörderische Gemeinplatz mit allen seinen Widersprüchen da, das Schema, die vernichtende sprachliche Konvention, und Sie merken gar nicht, dass Sie ein kulturell vorgegebenes Urteil über sich und andere gefällt haben. Mit dem Begriff grenzen Sie sich gegen das archaische Gemeinsame ab, von dem niemand loskommt. Man verdeckt seine kollektiven Eigenschaften mit dem Schema, der Konvention.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Im Rhythmus der Wiederholung

Unablässig lernte ich mit und von meiner Sinnlichkeit, lernte gewissermaßen zu dem hinzu, was ich mir früher mit Hilfe des Verstands angeeignet hatte, um es dann nach moralischen Gesichtspunkten zu bewerten und in mein Bewusstsein aufzunehmen. Da aber alles dauernd offen blieb, sich ständig veränderte und auf quälende Weise schillerte, gelangte ich zu keinem definitiven Wissen, höchstens, dass ich Wiederholungen bemerkte, im Rhythmus der Wiederholung ein unbegreifliches Naturgesetz ahnte. Ich sah nicht, wie man in dieser trostlosen Nacht je auslernen konnte. Höchstens, dass ich die immer neuen Situationen erfassen lernte und allmählich die Realität der um mich herum und parallel in mir drin ablaufenden Ereignisse akzeptierte, mich sozusagen damit abfand, dass das um mich und in mir Geschehende doch zu einem Teil meines Lebens würde, und so hörte auch das demütigende Zittern meiner Knie auf.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Er machte sich Vorwürfe, mein Gott, in was bin ich hineingeraten.

Seine Stiefmutter redete so, immer etwas weinerlich, er musste sie Mutter nennen und er hasste und verachtete sie genauso wie seinen Vater.

Nein, mit solchen Menschen durfte er nichts gemeinsam haben.

Das aber klang wie ein väterliches Verbot.

Wozu der unbezähmbare Hass auf sie, wenn er trotzdem mit ihrer Stimme zu sich redete. Oder der verirrte Provinzler sprach aus ihm, den der plötzliche Anblick vieler unbekannter Menschen so aus der Fassung bringt, dass er seine eigenen Eindrücke nicht verstehen kann.

Aber es kam ihm nicht einmal der Gedanke, dass er in diesem Fall aufstehen und ruhig anderswohin gehen konnte, es zwang ihn ja niemand, sich hier aufzuregen.

Er beruhigte sein aufgewühltes Gewissen damit, dass er diese seltsamen Gestalten zwar sah und ihm ihr ganzes fürchterliches Treiben klar war, aber dass er nicht dazugehörte. Er schaute doch bloß aus gebührender Distanz zu, guckte doch bloß, seine Eltern hatten keinen Grund zur Beunruhigung. Er benahm sich anständig.

Aber gucken durfte man auch nicht.

Und so merkte er plötzlich, dass ihm auch sein Gewissen nicht gehörte.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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Ein erleuchteter Zustand

Leute, hätte er rufen sollen, ich tue den ganzen Tag so, als wäre alles in Ordnung, aber dadurch leide ich noch mehr. Helft mir, irgendjemand, egal wer, soll kommen, ohne anzuklopfen, rennt mir die Tür ein, egal wann. Nein, er machte es genau umgekehrt, dachte das Gegenteil. Seine Gefühle ließ er nur an seinen Verstand heran, damit der seine Seelenqualen niederringe. Es ging ja auch so. Er sagte sich, dass der Mensch prinzipiell ein Einzelgänger sei, jeder für sich, und am meisten betrügen sich die Menschen, wenn sie in ihrem Fortpflanzungstrieb einen Vorwand für eine dauerhafte Verbindung suchen und sich vormachen, in einem anderen Menschen das berühmte Glück gefunden zu haben. Die würden dann schon noch erwachen. Seelenschmerz vorgeplant. Sie wissen das auch, tun es aber trotzdem. Er hingegen habe mehr Glück, weil er nicht zu solchem Selbstbetrug neige. Er sehe ja, wie andere den ganzen Tag nichts anderes tun, als einander zu hassen, zu vermissen, zu begehren, anzubeten, zu besitzen, er hingegen begehre niemanden, ihm fehle niemand, er komme sehr gut mit sich selbst aus und brauche niemanden zu quälen und zu hassen. Ein erleuchteter Zustand, unvoreingenommen könne er beobachten, was diese einander und sich selbst ausgelieferten Unglücklichen miteinander anstellen.

Die taten ihm wirklich leid.

Péter Nádas, Parallelgeschichten

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