Posts Tagged ‘Thomas Bernhard’

Das Scheitern

Wir müssen uns das Denken erlauben, uns getrauen auch auf die Gefahr hin, daß wir schon bald scheitern, weil es uns plötzlich unmöglich ist, unsere Gedanken zu ordnen, weil wir, wenn wir denken, immer alle Gedanken, die es gibt, die möglich sind, in Betracht zu ziehen haben, scheitern wir immer naturgemäß; wir sind ja im Grunde immer gescheitert und alle andern auch, sie mögen geheißen haben, wie immer, sie mögen die allergrößten Geister gewesen sein, auf einmal, an irgendeinem Punkte, scheiterten sie und ihr System ist zusammengebrochen, wie ihre Schriften beweisen, die wir bewundern, weil sie die am weitesten in das Scheitern vorangetriebenen sind.

Thomas Bernhard, Auslöschung

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Von Leitzordnern beherrscht

Millionen sind von Leitzordnern beherrscht und kommen aus dieser demütigenden Beherrschung nicht mehr heraus, dachte ich. Millionen sind von diesen Leitzordnern unterdrückt. Ganz Europa läßt sich seit einem Jahrhundert von den Leitzordnern unterdrücken und die Unterdrückung der Leitzordner verschärft sich, dachte ich. Bald wird ganz Europa von den Leitzordnern nicht nur beherrscht, sondern vernichtet sein.

Thomas Bernhard, Auslöschung

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Verhöhnungsverhältnis

Wir hassen die Menschen und wollen doch mit ihnen zusammensein, weil wir nur mit den Menschen und unter ihnen eine Chance haben, weiterzuleben und nicht verrückt zu werden. Mit dem Alleinsein halten wir es ja nicht gar so lang aus, so Reger, wir glauben, wir können allein sein, wir glauben, wir können verlassen sein, wir reden uns ein, wir können allein weiterkommen, so Reger, aber das ist ein Hirngespinst. Wir glauben, ohne Menschen auskommen zu können, ja wir glauben sogar, ohne einen einzigen Menschen auskommen zu können und bilden uns ja auch ein, wir haben nur eine Chance, wenn wir nur mit uns selbst allein sind, aber das ist ein Hirngespinst. Ohne Menschen haben wir nicht die geringste Überlebenschance, sagte Reger, wir können uns noch so viele große Geister und noch so viele Alte Meister als Gefährten genommen haben, sie ersetzen keinen Menschen, so Reger, am Ende sind wir vor allem von diesen sogenannten großen Geistern und von diesen sogenannten Alten Meistern alleingelassen und wir sehen, daß wir von diesen großen Geistern und Alten Meistern auch noch auf die gemeinste Weise verhöhnt werden und wir stellen fest, daß wir mit allen diesen großen Geistern und allen diesen Alten Meistern immer nur in einem Verhöhnungsverhältnis existiert haben.

Thomas Bernhard, Alte Meister

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Kunstegoismus

Alles, das in Mode ist, hat mich immer abgestoßen. Wahrscheinlich leide ich auch an dem von mir so genannten Kunstegoismus, ich will, was die Kunst betrifft, alles nur für mich allein haben, ich will meinen Schopenhauer allein besitzen, meinen Pascal, meinen Novalis und meinen innigst geliebten Gogol, nur ich allein will diese Kunstprodukte besitzen, diese genialen künstlerischen Ausfälligkeiten, ich allein will Michelangelo besitzen, Renoir, Goya, sagte er, ich ertrage es kaum, daß außer mir auch noch ein Anderer die Erzeugnisse dieser Künstler, dieser Genies besitzt und genießt, allein der Gedanke ist mir unerträglich, daß außer mir noch ein zweiter Janáček auch nur schätzt, Martinu oder Schopenhauer oder Descartes, das ist mir beinahe unerträglich, ich will der einzige sein, das ist natürlich eine grauenhafte Einstellung, hat Reger damals gesagt. Ich bin ein Besitzdenker, so Reger damals in seiner Wohnung. Ich wäre gern in dem Glauben, Goya habe nur für mich allein gemalt, Gogol und Goethe hätten nur für mich allein geschrieben, Bach habe nur für mich allein komponiert. Da das ein Trugschluß ist und eine abgründige Gemeinheit obendrein, bin ich im Grunde immer unglücklich, das verstehen Sie sicher, hat Reger damals gesagt. Auch wenn das Unsinn ist, so Reger damals, wenn ich ein Buch lese, habe ich doch das Gefühl und den Verstand, das Buch ist nur für mich geschrieben worden, wenn ich ein Bild anschaue, das Gefühl und den Verstand, es ist nur für mich gemalt worden, die Komposition, die ich höre, sie ist nur für mich komponiert worden. Ich lese dann und höre dann und schaue dann naturgemäß in einen großen Irrtum, aber doch mit einem sehr hohen Genuß, so Reger damals.

Thomas Bernhard, Alte Meister

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Bewunderung

Bewunderung macht blind, sagte Reger gestern, sie macht den Bewunderer stumpfsinnig. Die meisten Leute kommen, wenn sie einmal in die Bewunderung hineingekommen sind, nicht mehr aus der Bewunderung heraus, und sind dadurch stumpfsinnig. Die meisten Leute sind lebenslänglich allein dadurch stumpfsinnig, daß sie bewundern. Es gibt nichts zu bewundern, sagte Reger gestern, nichts, gar nichts. Weil den Leuten die Respektierung und die Achtung zu schwierig ist, bewundern sie, das ist ihnen billiger, sagte Reger. Bewunderung ist leichter als Respektierung, als Achtung, Bewunderung ist Eigenschaft des Dummkopfs, sagte Reger. Nur der Dummkopf bewundert, der Gescheite bewundert nicht, er respektiert, achtet, versteht, das ist es.

Thomas Bernhard, Alte Meister

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Staatsmenschen

Die Menschen, die wir sehen, sind Staatsopfer und die Menschheit, die wir sehen, ist nichts anderes als das Staatsfutter, mit welchem der immer gefräßiger werdende Staat gefüttert wird. Die Menschheit ist nurmehr noch eine Staatsmenschheit und hat schon seit Jahrhunderten, also seit es den Staat gibt, ihre Identität verloren, denke ich. Die Menschheit ist heute nurmehr noch eine Unmenschheit, die der Staat ist, denke ich. Heute ist der Mensch nur noch Staatsmensch und also ist er heute nurmehr noch der vernichtete Mensch und der Staatsmensch als der einzige menschenmögliche Mensch, denke ich. Der natürliche Mensch ist gar nicht mehr möglich, denke ich. Wenn wir die in den Großstädten zusammengerotteten Millionen von Staatsmenschen sehen, wird uns übel, weil uns auch, wenn wir den Staat sehen, übel wird. Jeden Tag, wenn wir aufwachen, wird uns vor diesem unserem Staat übel und wenn wir auf die Straße gehen, wird uns vor den Staatsmenschen übel, die diesen Staat bevölkern. Die Menschheit ist ein gigantischer Staat, vor welchem uns, wenn wir ehrlich sind, wenn wir aufwachen, jedesmal übel wird. Wie alle Menschen, lebe ich in einem Staat, vor welchem mir übel wird, wenn ich aufwache.

Thomas Bernhard, Alte Meister

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Die Lehrer sind die Handlanger des Staates und wo es sich wie bei diesem österreichischen Staat heute um einen geistig und moralisch total verkrüppelten handelt, um einen, der nichts als die Verrohung und Verrottung und das gemeingefährliche Chaos lehrt, sind naturgemäß auch die Lehrer geistig und moralisch verkrüppelt und verroht und verrottet und chaotisch. Dieser katholische Staat hat keinen Kunstverstand und also haben auch die Lehrer dieses Staates keinen oder haben keinen zu haben, das ist das Deprimierende. Diese Lehrer lehren, was dieser katholische Staat ist und ihnen zu lehren aufträgt: die Engstirnigkeit und die Brutalität, die Gemeinheit und die Niederträchtigkeit, die Verworfenheit und das Chaos. Von diesen Lehrern haben die Schüler nichts zu erwarten, als die Verlogenheit des katholischen Staates und der katholischen Staatsmacht […] Sie gaben auch mir wie den heutigen jungen Menschen nichts anderes als ihren Unverstand, ihr Unvermögen, ihren Stumpfsinn, ihre Geistlosigkeit. Auch mir haben meine Lehrer nichts anderes gegeben, als ihr Unvermögen, denke ich. Sie haben auch mich nichts anderes gelehrt, als das Chaos. Auf Jahrzehnte hinaus haben sie auch in mir alles mit der größten Rücksichtslosigkeit vernichtet, das ursprünglich zu dem Zweck, mich mit allen Möglichkeiten meines Verstandes tatsächlich meiner Welt zuliebe zu entwickeln, in mir gewesen war. Ich selbst habe diese grauenhaften, engstirnigen, verluderten Lehrer gehabt, die eine ganz und gar niedrige Auffassung von den Menschen und der Menschenwelt haben, die niedrigste, vom Staat verordnete Auffassung, nämlich daß die Natur in den neuen jungen Menschen auf jeden Fall immer zu unterdrücken und schließlich abzutöten sei für die Zwecke des Staates. Auch ich habe diese Lehrer mit ihrem perversen Flötenspiel und mit ihrem perversen Gitarrengezupfe gehabt, die mich gezwungen haben, ein stupides sechzehnstrophiges Schillergedicht auswendig zu lernen, was ich immer als eine der fürchterlichsten Bestrafungen empfunden habe. Auch ich habe diese Lehrer mit ihrer insgeheimen Menschenverachtung als Methode gegenüber ihren machtlosen Schülern gehabt, diese sentimental-pathetischen Staatshandlanger mit dem erhobenen Zeigefinger.

Thomas Bernhard, Alte Meister

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