Posts Tagged ‘Uwe Tellkamp’

Das Lied vom Feind

Im Politunterricht hörten sie von der klaren ideologischen Position der sozialistischen Armeeangehörigen, von der Gefahr eines atomaren, die Existenz der Menschheit bedrohenden Krieges, die der Imperialismus heraufbeschworen habe, von den Aufgaben, die vor ihnen, den Genossen Unteroffizieren und Soldaten, stünden. Der Sozialismus brauche klassenbewusste, gut ausgebildete und standhafte Kämpfer, die jederzeit zuverlässig ihre militärische Pflicht erfüllten, damit durch die Kraft des Sozialismus die friedliche Zukunft der Menschheit gesichert und der Sieg über den Krieg errungen werde, bevor dieser ausbreche. Sie sangen. Sangen das Lied vom Feind.

Uwe Tellkamp, Der Turm

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Magie

Magie war ein Wort, das Meno nicht liebte. Er hatte Ehrfurcht vor dem, wofür es stand und was es ausdrückte, nur unzulänglich seiner Meinung nach und etwas hilflos, »ein Etikett auf einem Einweckglas, in dem sich die Dinge befinden, wenn wir uns erinnern«, wie er sagte, wenn Christian, empört über seine eigene Wortlosigkeit und gequält von der Anstrengung, Menos Forderungen nach beschreibender Präzision zu erfüllen, kurzen Prozeß machen wollte, indem er dieses Wort gebrauchte, um etwas zu charakterisieren, das ihn auf noch unerklärliche Weise faszinierte. »Du gebrauchst es wie eine Fliegenklatsche, denn Totschlag ist natürlich auch eine Methode, etwas zu bannen«, bemerkte Meno dazu, »aber damit umkreist du nur deine Hilflosigkeit, wie es schlechte Schriftsteller tun, die nicht fähig sind, ein Phänomen zu erzeugen – was der eigentlich schöpferische Akt wäre –, sondern nur dazu imstande sind, über das Phänomen zu reden; eben ›Magie‹ zu sagen, statt aus Worten etwas herzustellen, das sie hat«.

Uwe Tellkamp, Der Turm

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